Chad – das gebrochene Pferd eines Travellers

Lia Falinski
Eine Geschichte von einem Traber auf dem Pferdemarkt
Ein Blick und ich weiß sofort:
Du bleibst nicht hier!
Ein Pferd ohne jegliches Leben.
Der Kopf hängt traurig nach unten

Mehrere Minuten stehen wir dort und sehen den irischen „Travellern“ bei ihren Rennen zu. Die asphaltierte Straße ist gerade mal drei Meter breit und rund einhundert Meter lang.

Wie die Wilden rasen sie im schnellsten Pass, den die Pferde schaffen hintereinander her. Die Menge johlt. Hin und wieder brüllt einer der Männer ein Kommando in die Richtung der Reiter und Fahrer. Am Ende des Weges wird gedreht und wieder geht es los. Männer, Kinder und Jugendliche holen aus und peitschen die Pferde bis zur Erschöpfung.

 

»Die Beine haben blutende Wunden, der Kopf ist vernarbt und weitere Wunden sind über den Körper verteilt

BENUTZT UND ABGESTELLT

In der Ecke dieser Schleuse steht ein Sulky. Ein kleiner schwarzer Wallach ist daran gespannt. Er rührt sich nicht und reagiert auf keines der Menschen, die um ihn herum stehen. Einige Male wage ich es ihn von Näherem anzuschauen und stelle schnell Erschreckendes fest.

Die Beine haben blutende Wunden, der Kopf ist vernarbt und weitere Wunden sind über den Körper verteilt. Das kleine Pferd ist deutlich abgemagert und schwach. Für mich eines der schlimmsten Fälle, die um mich herum bis zum Erbrechen geprügelt werden. Schnell sind Sofia (meine Begleiterin) und ich uns einig, dass wir ihn mitnehmen werden.

»Pass bloß auf! Die Traveller sind nicht ungefährlich!«

Ich will gar nicht aufzählen, wie oft ich den Satz in den letzten Tag gehört habe. Von Deutschen, Engländern und Iren. Meistens begleitet von einer unmissverständlichen Handbewegung im Halsbereich. Doch das ist mir egal. Gerade das lässt mich weiter kämpfen.

Ich selbst vertrete die Meinung, dass man woanders beginnen sollte und keine Pferde nach Deutschland importiert. Da ich bei einem Händler gearbeitet habe, weiß ich ungefähr wovon ich spreche.

Aber wie kam ich dann zu CHAD?

Ein sehr lieber Freund von mir bot mir im Voraus seine finanzielle Hilfe an. Klar war für mich, dass ich nicht einfach ein Pferd mitnehme. Ich bin grundsätzlich gegen Rettung der Tiere auf solchen Märkten, denn damit unterstützt man diese nur weiterhin und Keinem ist am Ende geholfen.

Als ich die Woche davor den Markt besuchte, fiel mir ein bestimmter Traveller auf. Er schlug mit einem langen Vierkantholz auf seinen kleinen Traber ein. Es brach mir das Herz und ich musste den Platz verlassen.

Nächtelang grübelte ich darüber nach.

»Nun standen wir also da und wussten, dass wir dieses Pferd dort rausholen müssen.«

ISPCA – eine Enttäuschung für den Tierschutz!

Da ich noch einmal auf den Markt wollte, wollte ich besser vorbereitet sein.

Bereits im Voraus schrieb ich mit einer Bekannten aus Facebook über mögliche Hilfe, die man anbieten kann. Sie hatte mehr Ahnung im Tierschutz und wusste was zu tun ist. Ich wollte unbedingt Etwas tun und nicht nutzlos auf dem Markt herumlaufen.

Eine Frau der ISPCA schrieb mit dieser Bekannten und bot an sich die Tage bei mir zu melden. Nach fünf weiteren Tagen ohne Nachricht beschloss ich nun diese Organisation vor Ort aufzusuchen.

Nun standen wir also da und wussten, dass wir handeln mussten. Der erste Weg führte zum Platz der ISPCA, um abzuklären welche Möglichkeiten vorhanden sind. Ich hatte erwartet ein motiviertes Team vorzufinden, dass mit mir nun besprechen würde, wie man das Tier da rausholen konnte.

Wir erklärten dem Team die Situation, in der sich das Pferd befand. Ich schilderte die schlechte körperliche Verfassung, sowie die Wunden des Tieres.


Keine Reaktion

 

Stattdessen ernteten wir misstrauische Blicke und eine ablehnende Haltung. Ich musste immer wieder Sofia als meine Zeugin herholen und Fotos zeigen, da sonst keiner sich die Mühe machte mir nun zu sagen, was gemacht werden kann. Verwirrung machte sich breit.

Ich stellte mir die Frage, ob wir im richtigen Bereich gelandet waren. Auf dem Handy checkte ich den Namen der Tierschutzorganisation noch einmal und stellte fest, dass ich hier richtig sein musste.

Man riet uns gleich ab, das Pferd zu kaufen, was ich auch verstand. Dann fragten sie mich immer und immer wieder, ob ich mir auch sicher sei, dass das Pferd auch leiden würde. Wir zeigten Videos, wie die Traveller auf die Pferde einprügelten und die blutenden Beine.

Langsam kam Bewegung ins Team und sie versicherten mir zu handeln. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Organisation sich absichern will, aber dieses Misstrauen und die Ablehnung uns gegenüber war in dem Fall unbegründet und unverständlich.

In dem Fall würde das Pferd nicht gekauft, sondern beschlagnahmt werden. Aus diesem Grund hielt ich es für richtig, den Leuten der ISPCA den Vortritt zu lassen. Mir ging es hier nicht darum ein Pferd zu besitzen, sondern dem Tier zu helfen.

Die Angst vor Streit ist zu groß!

Sofia und ich gingen weitere 20 Minuten über den Pferdemarkt und versuchten die Situation zu überblicken. Die Leute der Organisation waren nicht zu übersehen, da sie Neongelbe Jacken trugen. Aber keiner davon tauchte auf.

Nach 30 Minuten rief ich abermals meine Bekannte aus Facebook an und schilderte ihr die Lage. Ich war wütend. Das Pferd stand vor einem Sulky gespannt vor einem Hänger. Jemand hatte eine Decke darauf gelegt um die Wunden zu verdecken. Das Tier war durch die Decke nicht nicht zu übersehen.

Plötzlich erschienen zwei Leute der ISPCA und schauten den Travellern bei den Rennen zu. Nicht einmal kamen sie in die Nähe des Pferdes, welches wir ihnen gezeigt haben. Die grüne Decke hatten wir ihnen schon beschrieben und das Pferd war weit und breit das einzige, welches eine trug. Aber nach zwei weiteren Minuten verschwanden sie wieder und ließen sich nicht mehr blicken.

Am Telefon berichtete meine Bekannte mir

»Die haben Angst zu handeln«

Und genau das bestätigte meine Vermutung.

Mehrere dutzend Männer gegen ein paar Leute einer Tierschutzorganisation, die nichteinmal eine rechtliche Handhabe hätten. Sie haben einfach keine Chance und würden nichts machen. Währenddessen beobachtet ich, wie ein anderer Traveller auf den kleinen Wallach bot. Das Tier würde also weiter für Trabrennen herhalten müssen.

Plötzlich war ich Pferdebesitzerin

Langsam wurde ich echt ungeduldig. Der Traveller zog ab, um sein Geld zu holen.

Der Freund, der mir das Geld leihen wollte, drückte mir die Scheine in die Hand und auch Sofia wurde zunehmend nervöser, denn wenn ich jetzt nicht handeln würde, wäre die Chance verstrichen. Schnell gab ich dem Mann sein gefordertes Geld (440€) und konnte es kaum erwarten, bis er den Sulky abnahm.

Ich erzählte ihm, mein Freund würde Traber aufkaufen für Rennen. Ich selbst hätte keine Ahnung von Pferden. So stumpf wie möglich auftreten war das Ziel, denn sonst wären die Leute misstrauisch geworden. Es sollte auf keinen Fall wie ein Mitleidskauf wirken.

Der Mann kannte mich bereits schon, da ich ihn mehrmals gefilmt und fotografiert hatte. Ich wollte mich nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen und erzählte ihm, ich würde die Fotos und Videos für meinen Freund machen, da er nicht mitkommen konnte. Damit war er zufrieden und ließ mich gehen. Stolz erzählte er mir, dass der kleine Wallach erst 2 Jahre alt ist. Ich schluckte.

Erschreckend fand ich, wie sympathisch er sich gab. Ich war sicher, würde ich ihn in einem Pub bei einem Bier treffen und nicht wissen, welche Sachen er dort trieb: Ich würde ihn nett finden. Manche Menschen sind Meister darin sich toller zu geben als sie sind.

Dann kamen die Tränen

Nun standen wir da mit einem kleinen Pferd, welches ohne Leben hinter mir her stiefelte. Ich schämte mich in Grund und Boden, als ich mit dem Strick in der Hand über den Markt lief. Empörte Blicke streiften mich. Ich schaute mir das Tier noch einmal eingehend an und brach das erste Mal seit ich dort war in Tränen aus. Was mir bis dahin nicht aufgefallen war: Er sah nicht älter aus als 1,5 Jahre.

Man konnte klar sehen, er noch voll im Wachstum stand. Es war einfach unbegreiflich, wie ein Mensch so etwas tun konnte. Mein Herz schmerzt bis heute noch, wenn ich daran denke.

Hilfe oder Heuchelei?

Während wir nun dort standen und warteten, sprachen uns weitere Besucher an. Ich berichtet über meine Enttäuschung der ISPCA und diese erzählten uns, dass ähnliche Erfahrungen gemacht werden und meistens nicht geholfen wird aus Angst vor Eskalationen. Bei den ganzen Polizisten, die immer um uns herum liefen kaum vorzustellen.

Auf einmal tauchten mehrere Leute der ISPCA auf und nahmen uns das Pferd aus der Hand. Ich wusste nicht so recht, was eigentlich los war, da standen wir schon in einem abgeschirmten Bereich in dem das Pferd Heu und Wasser bekam. Ein Tierarzt um die 80 Jahre kam und schätzte das Alter des Tieres auf 4 Jahre. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und sagte ihm, dass ich alles glaube, außer, dass dieses Tier über 2 Jahre ist.

Für einen Moment strauchelte er und war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher. Das Team der ISPCA schauten daraufhin recht böse, da ich das Können ihres Tierarztes anzweifelte. Beim besten Willen konnte ich nicht glauben, dass dieses Tier 4 Jahre alt ist.

Sofia wurde zur Seite genommen und ein Mann redete eindringlich auf sie ein. Ich ahnte schon was los war, ließ ihn aber gewähren. Mittlerweile versuchte ich einen Stall und einen Transport zu organisieren, was nicht so einfach war, aber ich war zuversichtlich, etwas zu finden.

Dann wandte sich Sofia an mich und sagte mir, die ISPCA würden das Pferd mitnehmen und versorgen. Ich müsste nur mein OK geben. Ich merkte schnell, wie wieder die Wut hochkam. Man ließ mich erst im Stich um mir dann ein Pferd wegzunehmen, welches ich bezahlt habe.

Es gibt für Alles eine Lösung!

Allerdings wusste ich auch, dass ein Pferd viel Geld kostet und nicht gerade in meine finanzielle Planung passte. Aber für ich war erstmal wichtig, dass Pferd von seinem Leid zu erlösen. Als mir der gute Freund allerdings sagte, ich solle es mitnehmen und ich müsste mir keine Sorgen um die finanzielle Seite machen, traf ich die Entscheidung das Tier selbst zu pflegen.

Von dem Verhalten der ISPCA Leute war ich mehr als überrumpelt. Das ablehnende Verhalten spürte nicht nur ich, sondern auch Sofia und der Freund, der uns begleitete. Keiner von uns verstand was hier eigentlich abging. Wir merkten alle, dass hier nicht mit offenen Karten gespielt wurde.

Der Name kann vielleicht etwas ändern!

Ich gab dem Team der ISPCA den Namen des Travellers, sowie die Fotos, die ich von ihm gemacht habe. Sie versprachen, sich darum zu kümmern.

Urplötzlich tauchte dieser dann auch vor uns auf und fragte mich deutlich ungehalten, ob ich das Pferd an die ISPCA verkauft habe. Ich verneinte und sagte, sie würden nur den Transport für mich organisieren. Er wirkte nervös. Ein zweiter Mann neben ihn, machte mir klar, dass das Pferd eigentlich an Jemand anderen hätte verkauft werden sollen. das „German Girl“ soll es wieder abgeben hieß es.

Ich bin mir sicher, die Polizeipräsenz ersparte mir einigen Ärger. Im Bereich der ISPCA  zurück, berichtete man mir, der Traveller hatte bereits einen Versuch unternommen, das Pferd wieder an sich zu nehmen. Jetzt verstand ich auch, wieso der Bereich so abgeschirmt war.

Ein Mann der Organisation, der sich die ganze Zeit aus der ganzen Sache raushielt, bot mir an, das Pferd zu meinem Stall zu bringen. Er teilte dies auch den Mitarbeitern mit, die ihm sehr unfreundlich mitteilten, dass er das lassen sollte. Er widersetze sich und schon waren wir auf dem Weg nach Hause.

Angst verhindert Hilfe für die Tiere

Ich konfrontierte den Mann auch mit der Frage, wieso nicht gehandelt wurde und er versicherte mir, dass sie helfen wollen, aber die Möglichkeiten oft nicht hätten. Es wäre schlichtweg viel zu gefährlich und die Polizei hilft oft nicht. Oft seien ihnen die Hände gebunden.

Laut ihm, sei Chad eines der schlimmsten Fälle der letzten Jahre. Ich hatte richtig gehandelt. Das half mir deutlich über mein schlechtes Gewissen hinweg, denn unterstützen wollte ich das Elend auch nicht.

Die ISPCA hatten auch 3 Husky Welpen beschlagnahmt, die sie dem Besitzer einfach aus der Hand gerissen hatten. Bei einem Pferd, welches vor einem Sulky steht, ist das nicht so einfach möglich.

Nun heißt der kleine Mann CHAD, was so viel bedeutet wie: der „Sieger der Schlacht“ 

Er hat eine Box und ein eigenen Paddock bekommen und wird jeden Tag behandelt und gefüttert. Die Tierärztin kommt auch noch zur Gesundheitskontrolle und berät mich in allen Fragen, die ich habe.

Was sagst du zu dieser Sache? Hast du vielleicht schonmal etwas Ähnliches erlebt? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

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